Montag, 18. August 2008

Warum OpenSolaris?

Ich muss zugeben das mir diese Frage in den letzten Wochen ziemlich oft gestellt wurde, vor allem da man mich seit 12 Jahren eigentlich als überzeugten Linuxuser kannte. Zugegeben hat mich das ganze selbst ziemlich unerwartet getroffen, da ich OpenSolaris bis auf ZFS eigentlich als ziemlich uninteressant empfunden habe und teilweise sogar belächelt. Aber mit Betriebssystemen ist es manchmal wie mit Menschen: "Wenn man es erst einmal kennengelernt hat, ist es eigentlich richtig cool".

"Aber warum nicht Linux?"

, hört man aus der Linuxecke (bei den BSDler ist es oft ähnlich ^^). Die Frage ist sicherlich nicht ganz unberechtigt, verfügt Linux doch über sehr viel mehr Treiber und je nach Distribution derzeit noch über sehr viel mehr Pakete. Das mit den Treiber ist tatsächlich immer wieder ein Argument welches mir begegnet. Die Sache mit Treiber ist allerdings: Man braucht sie nur wenn man die Hardware hat. Und 99% der unterstützten Hardware besitze ich nun mal nicht und ich habe genauso wenig vor sie zu kaufen, also ist das Treiberargument hinfällig. Außerdem erinnere ich mich noch an eine Zeit als ich unter Linux weder Sound noch einen brauchbaren Browser hatte und trotzdem habe ich es benutzt weil es eben das gemacht hat was ich von ihm verlangt habe.
Und genau das ist es was OpenSolaris jetzt für mich macht, derzeit allerdings noch mehr als Entwicklungsumgebung und noch nicht als mein Alltagsdesktop da es unter anderem noch an einer gewissen Multimediafähigkeit mangelt. Da OpenSolaris in dieser Form allerdings erst seit Mai existiert und es dafür schon eine sehr vollständige Figur macht, kann ich darüber ersteinmal hinwegsehen. Außerdem ist besagtes für den nächsten Release im November in Arbeit.

"Aber was macht OpenSolaris denn jetzt besser als Linux?"

Erstmal: Es handelt sich hier um persönliche Präferenzen. Ich kann hier noch soviel von Features schwärmen, aber letztendlich muss man diese Features auch nutzen. Hier einfach mal ein kleiner Einblick:

ZFS

In den letzten Monaten ist ZFS schon fast zum Buzzword geworden. Irgendwie redet jeder davon aber selten wird wirklich mal erklärt was ZFS eigentlich kann. Für alle Interessenten kann ist jedem Mal den ZFS Podcast vom Chaosradio ans Herz legen. Ein besonders tolles Feature bei ZFS ist die Möglichkeit Snapshots von seinen Filesystemen anzulegen und damit sein System ähnlich wie bei modernen Versionskontrollsystemen zu verzweigen. Hier ein Beispiel von meinem System.

raichoo@itzkoatl:~$ beadm list

BE Active Active on Mountpoint Space
Name reboot Used
---- ------ --------- ---------- -----
opensolaris no no - 14.58M
opensolaris_snv95 yes yes / 6.40G

Es verfügt über 2 sogenannte Bootumgebungen. opensolaris und opensolaris_snv95. Auf der ersten liegt das Ursystem, mit anderen Worten die Version von OpenSolaris mit der ich installiert habe. Mit der Zeit kamen allerdings mehrere Updates und wie heißt es so schön: "Never change a winning Team". Also habe ich eine zusätzliche Bootumgebung mit dem Namen opensolaris_snv95 angelegt. Nachdem man diese erzeugt hat, besitzt man eine exakte Kopie seines Systems welche man dann separat updaten kann. Das ganze funktioniert so:

raichoo@itzkoatl:~# beadm create opensolaris_snv95
raichoo@itzkoatl:~# mkdir /tmp/mein_neues_system
raichoo@itzkoatl:~# beadm mount opensolaris_snv95 /tmp/mein_neues_system
raichoo@itzkoatl:~# pkg -R /tmp/mein_neues_system image-update
...
raichoo@itzkoatl:~# beadm unmount opensolaris_snv95
raichoo@itzkoatl:~# beadm activate opensolaris_snv95

Mit pkg habe ich die Kopie meines Systems auf den neusten Stand gebracht und mit activate habe ich dafür gesorgt das sie beim nächsten booten als Standard ausgewählt wird. Besonders praktisch ist hier das beadm auch schon grub eingerichtet hat und ich jetzt für jede Version einen Eintrag hat. Dazu kommt noch das die Kopie meines Systems nur den Unterschied zwischen beiden Systemen an Plattenplatz belegt. So kann man immer ohne Risiko an seinem System herumschrauben und mit einem Handgriff zurück. Aber ZFS kann noch mehr, unter anderem auch unglaublich mächtige Backupfunktionen, sehr komfortables NFS und Samba-Management, Raidfunktionen die weit über die Möglichkeit von traditionellem Hardwareraid hinausgehen, transparente Kompression und bald auch transparente Verschlüsselung, Selbstheilung und alles läßt sich mit zwei Befehlen einfach und intuitiv aus der Konsole steuern. Wers nicht glaubt, hier die manpages zu zpool und zfs.

Dtrace und MDB

Ich bin jemand der gerne versteht was in seinem System vorgeht. Das schließt Userspace Programme genauso ein wie Kernelspace Aktivitäten. Aus diesem Grund sammel ich auch Bücher die sich mit den jeweiligen Kerneln befassen. Zu Linux besitze ich das Buch "Understanding the Linux Kernel", und auch wenn es in vielerlei Hinsicht nicht uninteressant ist hat es einen gravierenden Nachteil: Ich kann so gut wie nichts davon live beobachten und mir bringt das Wissen um den Kernel und seine Funktionsweise relativ wenig, da nachdem er übersetzt ist er sich für mich in eine Blackbox verwandelt. Mit dtrace und dem Modular Debugger mdb kann ich jederzeit in den Kernel hineinsehen und nachvollziehen was passiert. Ich kann mein Wissen über den Kernel einsetzen um an die Informationen heranzukommen die ich brauche. Ein extremer Vorteil wenn man Probleme sucht, oder einfach nur verstehen will was eigentlich vor sich geht. Zu dtrace haben ich, wie einige vielleicht schon bemerkt haben, einen Workshop auf meinem Blog, eventuell werde ich das gleiche auch noch für mdb machen.

IPS

Über die Jahre gab es viele Paketsysteme und inzwischen sind die etablierten mehr oder weniger veraltet. Rpm soll überholt werden und apt ist für meinem Geschmack einfach zu kompliziert wenn es ums schnüren von Paketen geht. Ich will meine Software einfach nur übersetzen und dann freigeben können. Genau das macht IPS für mich. Ich muss mich nicht damit befassen Skripte zu schreiben um ein Paket zu erschaffen sondern kann meine Software einfach in mein eigenes Repository hochladen, das ganze ist in der Funktionalität wieder stark an moderne Versionskontrollsysteme angelehnt. Alles wunderbar ist dokumentiert auf der OpenSolaris Seite.

Dokumentation

Womit wir auch gleich schon zum nächsten Punkt kommen. Als Developer hasst man es sie zu schreiben, als Anwender liebt man es sie zu haben. Dokumentation. Was mich bei praktisch allen Linux Distributionen immer gestört hat war der Mangel an aktueller tiefgreifender Dokumentation, die auch zugegebenermaßen bei den vielen Änderungen (ob nötig oder nicht sei mal dahingestellt) oft nicht auf dem neusten Stand ist oder teilweise einfach nur oberflächlich am Problem kratzt. Meistens provoziert ein sogenanntes Howto noch weitere Fragen die wieder dazu führen das man suchen muss. Das ganze artet oft in eine Art Schnitzeljagd im Netz aus, die nicht immer vom Erfolg gekrönt ist und gerade bei komplexen Fragen oft im Nichts endet.
Zu Solaris gibt es allerdings einen zentralen Dokumentationsserver. http://docs.sun.com wartet mit einem Berg an Büchern auf (ja, ganze Bücher keine Howtos)die alle frei zum herunterladen angeboten werden. Alles im handlichen PDF Format, sprengt das Angebot ohne Probleme die 10.000 Seiten Grenze (vermutlich sogar weit darüber hinaus). Alles wird verständlich mit Beispielen erklärt und sollte doch mal eine Frage auftauchen existiert meistens schon ein Link zum Buch das diese Frage klärt.

Stabile ABI

Etwas vor dem sich Linux leider bis heute fürchtet oder ablehnt. Oft sind nach 2 oder 3 Versionen Treiber im Binärformat nicht mehr zu gebrauchen und man muss praktisch alles neu kompilieren. Nutzt man eine vorgefertigte Distribution hat man dieses Problem nicht, aber kommerzielle Anbieter schrecken davor zurück Treiber für Linux herzustellen da die Binärkompatibilität nicht gewährleistet ist. Auch wenn ich prinzipiell gegen sogenannte Blobs bin ist es für viele Anbieter ein Grund keine Treiber für Linux zu veröffentlichen, da der Wartungsaufwand in keinerlei Bezug zum Nutzen wäre. Unter Solaris 10 z.B. ist es allerdings immer noch möglich einen Netzwerktreiber zu laden der für Solaris 8 geschrieben wurde.

Es gibt noch viele weitere Grunde wie das SMF System, Zones, die SunStudio Entwicklungsumgebung, die p*-Tools usw. Die mich dazu gebracht haben auf Solaris zu wechseln, aber auch hier gilt: Ein Feature ist nur dann sinnvoll wenn man es nutzt. Mir macht es auf jeden Fall das Leben ungeahnt leichter :)

Wer jetzt neugierig ist kann sich auch einmal den Podcast von pofacs.de (eine allgemein sehr lohnenswerte Seite) zu OpenSolaris anhören.


OpenSolaris: Innovation Matters

1 Kommentar:

Jack Walker hat gesagt…

Genau so einen Artikel hab ich gesucht um eine Frage, die mich nur auch schon seit ein paar Wochen Quelt, zu Beantworten. Danke.